Anonymität im Netz wird seit seiner Entstehung gebraucht, missbraucht und diskutiert – für viele Menschen, gerade in schwierigen Situationen oder autoritären Regimes, ist sie jedoch ein wichtiger Schutz. Wie aber sieht es in der Literaturbranche aus? Ist Anonymität wichtig? Oder schädlich? Und warum?
Geschichte anonymen Veröffentlichens
In der gesamten Literaturgeschichte gab es immer Autoren und Autorinnen, die ihre Werke ohne Namensnennung oder unter einem (geschlossenen) Pseudonym in die Welt gebracht haben. Manchmal hatte das eher profane Gründe, beispielsweise wenn ein Buch etwas versauter war, als die jeweilige Gesellschaft / Familie / das Umfeld es gerne sah. Oft waren die Beweggründe jedoch wesentlich ernsthafter – wenn Autoren befürchten mussten, verfolgt oder sogar getötet zu werden, oder aber gar nicht erst die Erlaubnis hatten, zu veröffentlichen. Ersteres galt und gilt vor allem für autokratische Systeme – den Nationalsozialismus, Stalinismus oder die Diktatur im Iran beispielsweise. Letzteres war nicht selten mit dem gesellschaftlichen Stand, vor allem aber mit dem Geschlecht verbunden. Das vielleicht bekannteste Beispiel sind die drei Brontë-Schwestern, die im 19. Jahrhundert alle unter männlichem Pseudonym veröffentlichten.
Privatsphäre
Ein wichtiger Grund, die eigene Identität im Verborgenen zu halten, ist die Wahrung der Privatsphäre. Das gilt natürlich im besonderen für bekannte Persönlichkeiten, die eben diese Bekanntheit nicht mit ihren Werken in Verbindung bringen wollen, aber auch für ganz durchschnittliche Menschen, die ungern in der Öffentlichkeit stehen. Durch die rasche Informationsverbreitung via Internet und Soziale Medien heutzutage und die Unumkehrbarkeit ebendieser Informationsverbreitung hat dieser Aspekt besonders an Bedeutung gewonnen.
Vermarktbarkeit
Ebenfalls an Einfluss gewonnen hat die Frage der Vermarktbarkeit – nicht des Werks, sondern des Autors. Zwar war das auch früher Gegenstand der Aufmerksamkeit, so hat beispielsweise Joseph Conrad seinen eigentlich polnischen Namen für seine Veröffentlichungen in seiner Wahlheimat Großbritannien anglisiert. Selbst heutzutage wird gerne das Geschlecht von Autoren verschleiert – am bekanntesten ist die Kürzung des Vornamens von J.K. Rowling. Auch in den vergangenen Jahrzehnten gibt es Berichten nach Verlage, die für spezielle Genres (Romance, Science Fiction) vermeintlich bei Lesern beliebtere Geschlechtszuordnungen wünschen. Umgekehrt setzen Verlage jedoch zunehmend darauf, dass Autoren ihre Vermarktung selbst übernehmen: Nicht nur Lesungen und Interviews, auch eine aktive, nahbare Social-Media-Präsenz wird oftmals erwartet. Inwieweit der Wunsch nach Anonymität und Privatsphäre tatsächlich zur Ablehnung von Manuskripten führt, kann jedoch bestenfalls geraten werden.
Trennung von Privatleben und Beruf
In einer Zeit der ständigen Erreichbarkeit (oder zumindest des Wunsches einiger danach) ist die Trennung zwischen Beruflichem und Privatem ohnehin eine fragile Angelegenheit. Das galt für selbstständige Berufe – wie Schriftstellerei – zwar schon immer, doch die Möglichkeiten, erreicht zu werden, haben sich enorm erweitert. Ein eigener Name kann, ebenso wie ein fester Arbeitsbereich und Arbeitsroutinen, helfen, dieser ungesunden Vermischung entgegenzuwirken. Anonym zu bleiben – und beispielsweise zu entscheiden, keine Bilder des eigenen Gesichts, des Körpers, der Mahlzeiten, der Wohnung […] zu veröffentlichen, erleichtert in vielen Situationen auch eine geistige Trennung: Wer keine Bilder von Mahlzeiten postet, muss beim Essen auch nicht an das Anfertigen oder zumindest Aufhübschen dieser denken.
Schutz durch Anonymität
So traurig es sein mag: Anonymität zu suchen, um die eigene Sicherheit zu erhalten, wird aktuell immer wichtiger (in Deutschland, in anderen Ländern gehören Dinge wie Pressefreiheit oder der Schutz vor gewalttätigen Gruppierungen schon länger zum unerreichten Luxus). Verschiedene Strömungen, vor allem jedoch rechte und rechtsextreme Zusammenschlüsse und Einzelpersonen, machen online regelrecht Jagd auf Menschen, deren Aussagen oder Tätigkeiten ihnen missfallen. Das kann in Hasskommentaren und –mails resultieren, im schlimmsten Fall jedoch auch ins reale Leben überschwappen und zur Bedrohung werden. Die eigene Adresse, das eigene Gesicht nicht bekanntzugeben, ist daher oftmals wichtig für Autoren, die kritische Kunst schaffen, um sich aus der Schusslinie zu nehmen.
Probleme und Lösungen
Die Hauptprobleme, anonym zu bleiben, bestehen in den vermeintlichen oder tatsächlichen „Pflichten“ eines Autors. Dazu zählen ein gültiges Impressum, Interviews, Lesungen, Auftritt in sozialen Medien oder einfach die Erreichbarkeit per Post.
Da ein Impressum zu den gesetzlichen Pflichten gehört, gibt es an dieser Stelle keine Möglichkeit zur Umgehung. Allerdings kann ein Impressumservice gebucht werden, der für die notwendige ladungsfähige Adresse sorgt. Da es viele schwarze Schafe gibt, ist es sinnvoll, sich bei anderen Autoren zu erkundigen und den Service gegebenenfalls zu testen. Wichtig ist er für die eigene Homepage und bei Selfpublishern auch für Bücher und E-Books. (Amazon verlangt kein Impressum, das Gesetz allerdings schon!)
Ebenso wie Art und Umfang des Auftritts in sozialen Medien sind Lesungen optional, aber unter Umständen eine wichtige Einkommensquelle und natürlich ein Zeichen des Engagements für den Verlag. Die einzige Möglichkeit, sie trotzdem anzubieten, wäre, einen Freund oder Schauspieler zu engagieren – ob das allerdings gut angenommen wird, lässt sich nicht sagen.
Im Falle eines geschlossenen Pseudonyms, also eines, das nicht offiziell mit dem eigenen Namen in Verbindung steht, sondern geheim gehalten wird, gibt es zwei Möglichkeiten, konkret damit umzugehen: Unter einigen Voraussetzungen (lange Verwendung, Nachweis künstlerischer Tätigkeit, Individualität) kann es als Künstlername in den Personalausweis eingetragen werden. In dem Fall darf es wie ein Name genutzt werden, beispielsweise für Unterschriften. Allerdings wird jeder, der den Personalausweis zu Gesicht bekommt (das kann auch aus Versehen passieren), über die Verbindung informiert. Ohne Eintrag kann ein Pseudonym natürlich trotzdem genutzt werden, bei Verträgen (VG Wort, Impressumservice, Verlage etc.) muss aber der richtige Name genannt werden.
Persönliche Grenze
Wo die Grenze dessen, was man veröffentlichen und zu seinem Leben bekannt machen möchte, liegt, ist persönlich. Entscheidungen dazu sollten wohlüberdacht, nicht in Eile und nicht auf Druck Dritter getroffen werden – denn oftmals können sie nicht zurückgenommen werden. Das gilt ganz besonders für „höchstpersönliche“ Bereiche wie Wohnung, Kinder, Körper/Gesicht, Sexualität oder Gesundheit.
So verschieden, wie Meinung und Wohlfühlfaktor dabei sind, sind auch die Grenzen, die tatsächlich von Autoren gezogen werden: Wenige leisten sich trotz des großen Drucks tatsächliche Anonymität und verweigern jedweden Bezug zur eigenen Person, um allein das Werk in den Fokus zu stellen – beispielsweise Elena Ferrante. Andere Künstler zeigen selbst die Geburt ihrer Kinder in den Medien.
Und meine persönliche Grenze?
Meine Meinung teile ich gerne, auch persönliche Ansichten – Details über Sexualität, Familie oder Gesundheit gehen jedoch nur mein Umfeld etwas an. Gesicht, Stimme und Adresse teile ich hingegen aus zweierlei Gründen nicht: Einerseits, weil ich die Trennung von Privatleben und Beruf, in dem Fall auch Werk und Autor erreichen möchte. Im Mittelpunkt soll stehen, was ich schreibe, nicht, wer ich bin. Andererseits, weil mir die politische und gesellschaftliche Entwicklung Sorgen bereitet und ich mich mittelfristig aufgrund dessen, was ich schreibe, um meine Sicherheit sorge.