Als ich „Dehumanisation – Wege in den Terror“ fertiggestellt hatte, wusste ich, dass es mein vielleicht wichtigstes Buch überhaupt sein würde. Auf literarische Weise das verbindende Element zwischen Rassismus und Terrorismus – die Entmenschlichung – darzustellen, in einer zunehmend von Hass zerfressenen Gesellschaft, war mir ein tiefes Anliegen. Mehr noch, es anhand dreier fiktiver Schicksale zu tun, die zu jeder Zeit und an jedem Ort Realität werden könnten.
Nachdem das Cover designt, die Marketingvorbereitungen getroffen, die letzten Korrekturen eingearbeitet waren, lud ich es bei Books on Demand hoch. Zu dem Zeitpunkt war BoD mein hauptsächlicher Distributor, auch wenn sich bereits bei den letzten beiden Veröffentlichungen erhebliche und durch BoD nie behobene Probleme gezeigt hatten. Das Druckergebnis selbst hingegen war stets gut. Wenige Tage später erhielt ich eine Mail: Man habe Fragen und möchte, dass ich anrufe. Ich war verwundert, aber unbesorgt – was sollte es an einem Roman über die fatalen Folgen von Entmenschlichung und Gewaltspiralen schon auszusetzen geben? Blutrünstige Szenen sind nicht vorhanden, das Lesealter ist mit ab 16 angegeben.
Tatsächlich hatte die Dame am anderen Ende dann auch gar keine Frage, nur eine einzige Anweisung: Nimm das N-Wort raus oder mach einen Stern rein, sonst wird nicht veröffentlicht. Jedweder Erklärungsversuch, dass es lediglich als Sprachelement eines Rassisten, nie „neutral“, sondern stets negativ genutzt wird, stieß auf taube Ohren. Unwohl, aber notgedrungen fügte ich die verlangte Änderung ein und reichte das Manuskript erneut ein. Tage später erhielt ich eine Mitteilung: Man werde den Roman nicht veröffentlichen und mir auch keine Gründe dafür nennen. Spätestens jetzt wusste ich, dass es nie darum gegangen war, Rassismus zu verhindern.
Als Nächstes wendete ich mich an Tolino media, einen großen Distributor, der damit wirbt, gut an das Buchhandelsnetz angebunden zu sein. Hier hatte ich gerade ein erstes E-Book veröffentlicht, um herauszufinden, ob er sich als Alternative zu BoD eignet. Die Einordnung kam rasch: Egal, ob ausgesternt oder nicht, kein N-Wort. Das aber stellt für mich eine Unmöglichkeit dar: Ich schreibe Belletristik, kein Sachbuch, ich will Personen realitätsnah und ungeschönt abbilden. Legte ich einem Rassisten weniger menschenverachtende Wörter in den Mund, entstünde für mich eine Verharmlosung. Das ist meine Meinung – andere sind ebenso legitim. Was für mich hingegen nicht legitim ist: Eine Buchveröffentlichung verhindern.
Was nun? Direkt über Amazon zu veröffentlichen, kam für mich nie infrage. Ein Buch über Menschenverachtung ausgerechnet auf Amazon? Sehr glaubwürdig. Mittlerweile war ich ehrlich verzweifelt. Also fragte ich einen Druckdienstleister an, der Auflagendruck – irgendwie würde ich das Geld schon zusammenkratzen – und optional auch Vertrieb anbietet. Hier bat man um das ganze Manuskript und etwas Zeit zur Prüfung, doch die Entscheidung fiel klar aus: Das Thema sei zweifelsohne wichtig und auch sehr aktuell, ihnen jedoch zu heikel, zu polarisierend.
Der Tiefpunkt war erreicht: Ich sah keine realistische Möglichkeit mehr, dieses mir doch so wichtige Buch überhaupt auf den Markt zu bringen. (Nein, für eine Verlagsgründung fehlen eindeutig die zeitlichen und finanziellen Möglichkeiten, von den Kenntnissen ganz zu schweigen.) Doch ich hatte Glück im Unglück: Über ein Forum kannte ich lose den Verleger des Kleinverlags T.O.R. Verlag UG und nachdem ich das Drama dort geschildert hatte, bot er an, das Projekt unter die Fittiche zu nehmen. Und tatsächlich – mit einigen Monaten Verspätung war mein Roman endlich auf dem Markt.
Ende gut, alles gut? Leider nein. Wie das bei Büchern üblich ist, wurde das Taschenbuch ins Verzeichnis lieferbarer Bücher (VlB) eingetragen und mein Verleger meldete es zum Vertrieb über den Barsortimenter Libri an – die meisten kleinen Verlage sind bei Libri. Wiederum greifen die meisten Buchhändler, auch große Ketten wie Hugendubel, Osiander oder Thalia, ausschließlich auf das von Libri geführte Verzeichnis zurück und auch dort nur auf den sogenannten „aktiven Bestand“. Und genau dort weigert sich Libri das Buch einzutragen – ohne Angabe von Gründen. Konkret bedeutet das, dass keine der großen Buchhandelsketten „Dehumanisation“ als lieferbar führt oder auch nur anzeigt, dass eine Printversion existiert. So ist das Taschenbuch ausschließlich und ausgerechnet über Amazon erhältlich, die es selbst drucken. Dass das den Absatz schmälert (bei vergangenen Projekten wurden zwar viele E-Books, aber weniger als die Hälfte der Printausgaben über Amazon bezogen), muss nicht extra betont werden.
Fazit: Viele Menschen in diesem Land glauben an staatliche Zensur – ohne jemals an einem Ort gelebt zu haben, an dem es wirklich staatliche Zensur gibt. (Nein, Strafrecht ist keine staatliche Zensur.) Doch wir leben in einer Welt der Groß- und Megakonzerne, deren Verhalten oft nur wenig Einschränkung erfährt. Die Macht über Sichtbarkeit oder Unsichtbarkeit von Menschen, Meinungen und Medien haben. Die entscheiden können, dass ihnen ein Buch über Rassismus und Terrorismus zu kritisch ist – und es verschwinden lassen können.