Trotz aller Skandale gewinnt die AfD seit ihrer Gründung langsam, aber stetig Mitglieder. Passend dazu steigt der Einfluss rechter und rechtsradikaler Strömungen in der Bevölkerung. Welche Gründe gibt es dafür? Was für Methoden werden genutzt, um Wähler zu manipulieren? Welche Rolle spielen die Medien? Und was könnten Lösungsansätze sein? Hier veröffentliche ich in loser Folge eine Essaysammlung rund um die Themen AfD und Faschismus sowie Migration und Integration.
Hier findet ihr die anderen Teile:
Strukturschwäche und Segregation
Parteiprogramm und Protestwahl
Die Medien, die Männer und das Kopftuch
Ein Thema, das immer wieder und in verschiedenen Variationen aufkommt, ist das Kopftuch. Wobei ich hier schon innehalten muss: Natürlich nur das Kopftuch muslimischer Frauen. Kopfbedeckungen von Nonnen oder Omas (das 50-Pfennig-Stück, irgendjemand?) führen ebenso wenig zu medialen Schweißausbrüchen wie der Turban männlicher Sikh oder die Kippa männlicher Juden.
Kopftuch: Was Frauen anziehen sollten
In Diskussionen über das Kopftuch tritt vor allem eins sehr deutlich zutage: Viele Menschen haben eine Meinung dazu, was (muslimische) Frauen tragen sollten. Und damit sind nicht primär konservative muslimische Männer gemeint, sondern vor allem Bürger ohne Migrationshintergrund. Sie eint: Man solle Frauen vorschreiben (wahlweise sie zwingen oder ihnen verbieten), was sie anziehen.
Das gilt allerdings nicht nur für Muslime, sondern ist generell Tenor – in jedem Sommer gibt es Forderungen an Schülerinnen, doch bitte nicht mit großem Ausschnitt, nicht bauchfrei, nicht mit Hotpants … zum Unterricht zu erscheinen. Denn so ein weiblicher Körper, der könnte die armen jungen Menschen ablenken (wahlweise auch die Lehrer). Frauenkörper zu verhüllen, weil sie die Öffentlichkeit stören könnten, ist also ein durchaus auch in unserer Kultur liegendes Phänomen. Schlimmer noch: In einer viel beachteten Umfrage des Eurobarometers gaben 10 Prozent der Befragten an, sexy Kleidung entschuldige sogar eine Vergewaltigung. Umso verwirrender scheint, dass die Verhüllung der Haare dann wieder als negativ wahrgenommen wird. Aber: Es geht um die Bestimmungshoheit darüber, wie sich Frauen anziehen sollen. Nicht darum, ob für sie entschieden wird, sondern wer für sie entscheiden darf.
Hier wird auch das herrschende mediale Versagen deutlich: Wenn auf solche Argumente eingegangen und sie als „Diskussion“ präsentiert werden, bei der es verschiedene akzeptable Meinungen geben kann – anstatt deutlich zu machen, dass allein Frauen das Recht haben, über ihre Kleidung zu entscheiden. Auf diese Art bleibt der Eindruck, grundsätzlich sei es eine legitime Sicht, Frauen die Kleiderwahl oder eine eigene Entscheidung abzusprechen.
Stattdessen wird unterstellt, muslimische Frauen würden durch ein Kopftuchverbot vor dem Patriarchat geschützt. Sofort ergibt sich die Frage: Wie werden sie dadurch geschützt? Wie wird sich das Leben einer unterdrückten Frau durch dieses Verbot ändern? Wird sie fortan frei sein und ihren Beruf ohne Kopftuch ausüben? Oder wird ihr dann einfach die Arbeit untersagt? Denn ein solches Verbot, egal wo es Anwendung findet, richtet sich ausschließlich an die Frau, schränkt ausschließlich sie ein. Kein Mann, kein männliches Verhalten ist von diesem „Schutz vor dem Patriarchat“ betroffen.
Des Weiteren unterstellt ein Verbot muslimischen Frauen Unmündigkeit und fehlende Entscheidungsfähigkeit. Denn es wird pauschal angenommen, die Frau habe gar nicht selbst entschieden. Dass Frauen allein aufgrund ihrer Herkunft oder Religion unfähig wären, über ihre Bekleidung zu entscheiden, ist eine tief greifende Diskriminierung.
Was sollte stattdessen passieren? Eine revolutionäre Idee wäre, muslimische Frauen schlicht selbst zu fragen, warum sie ein Kopftuch tragen. Ob sie es als Zeichen einer Unterwerfung unter den Mann oder auf Druck der Familie tun oder andere Gründe haben. Das allerdings scheint für die meisten „Kopftuchverbot“-Zeitgenossen dann doch zu viel Selbstbestimmung. Vielleicht fürchten sie auch, dass ihnen die Ergebnisse nicht gefallen könnten. Für seinen umfassenden Bericht „Muslimisches Leben in Deutschland“ hat das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge eben das 2020 tatsächlich getan und unter anderem nach den Gründen für das Tragen eines Kopftuchs gefragt. Den Link zum Download sowie den sehr persönlichen Bericht einer 14-Jährigen über ihre Gedanken zum Kopftuch findet ihr als letzten und vorletzten Link in der Quellenangabe.
Was kam dabei heraus? Zunächst tragen lediglich 34 Prozent aller Muslimas grundsätzlich ein Kopftuch, 4 Prozent manchmal (beispielsweise beim Besuch der Moschee) und 62 Prozent gar nicht. Bereits diese Zahlen lassen erahnen, dass sich muslimische Frauen mit ihrer Bekleidung und Religion selbst auseinandersetzen und unterschiedliche Entscheidungen treffen. Aber wie oft spielt Druck dabei eine Rolle? 4,4 Prozent geben an, es aufgrund von Erwartungen von Familie oder Partner zu tragen, weitere 4,6 Prozent aufgrund von Erwartungen des Bekanntenkreises. 91 Prozent geben andere Gründe an, wie den Ausdruck ihrer Religion, den Schutz vor unerwünschten Blicken oder Tradition.
Es wurde jedoch auch gefragt, warum sich Frauen entscheiden, kein Kopftuch zu tragen – die Gründe lassen tief blicken: 34,5 Prozent gaben an, Nachteile in Schule, Ausbildung oder Arbeit zu befürchten. 22,2 Prozent gaben an, Partner oder Familie hießen es nicht gut, weitere 16,7 Prozent sagten dies über ihren Bekanntenkreis. 15,5 Prozent erklärten, es sei ihnen in Schule, Ausbildung oder Arbeit verboten worden. 13,4 Prozent hatten Angst vor Belästigungen oder Beschimpfungen, weitere 4,6 Prozent möchten in der Öffentlichkeit nicht als Muslima erkannt werden. (Bei beiden Fragen war eine Mehrfachnennung möglich.)
Während also weniger als 10 Prozent aller muslimischen Frauen Druck von außen verspüren, ein Kopftuch zu tragen, empfindet ein Vielfaches Druck und Angst davor, es zu tragen – selbst, wenn sie möchten. Weitere Umfragen zeigen, dass diese Ängste nicht übertrieben sind: Etwa die Hälfte aller Muslima mit Kopftuch berichtet von diskriminierenden Erfahrungen im Arbeitsbereich, im gesamten Leben sogar nahezu alle. Diese reichen von Benachteiligung über Beschimpfung bis hin zu körperlichen Angriffen wie das Herunterreißen des Tuchs, Bespucken oder Schläge.
Zu der Forschungsfrage, ob Diskriminierung von Frauen mit Kopftuch systematisch erfolgt, wurde eine groß angelegte Studie zur Hilfsbereitschaft in 26 deutschen Städten durchgeführt. Vereinfacht zusammengefasst (den gesamten Versuchsaufbau findet ihr in den Quellen) wurde ein Missgeschick simuliert, bei dem einer Frau Zitronen herabfielen. Trug sie dabei ein Kopftuch, sank die durchschnittliche Hilfsbereitschaft der Umstehenden beim Aufsammeln um 8 Prozent.
(Und wer nun spontan denkt: Naja, sie müssen ja kein Kopftuch … genau, da ist er wieder, der „hätte sie keinen kurzen Rock getragen“-Gedanke.)
Trotz dieser mehr als eindeutigen Studien, Zahlen und Erfahrungen geht das mediale Narrativ zumeist von Druck und Zwang durch Männer und übrige Familie der Frauen aus – obwohl das nicht die Lebensrealität der meisten Betroffenen wiedergibt.
Eine Besonderheit stellt das Kinderkopftuch dar (gemeint ist: vor Abschluss der Grundschule, also dem 10./11. Lebensjahr), das für heiße Debatten sorgt. Denn damit, so die Argumentationslinie, werden Kinder ganz besonders früh beeinflusst. Interessant ist jedoch, dass das nicht für Beschneidung (jüdische oder muslimische), christliche Taufe oder katholische Kommunion, die im Alter von 8-10 Jahren begangen wird, zu gelten scheint. Oft wird daher eine mögliche Sexualisierung von Kindern ins Feld geführt. Das ist insofern nicht falsch, weil das Tragen des Kopftuchs üblicherweise den Übergang zur Pubertät markiert. Doch auch hier stellt sich die Frage: Warum dürfen beispielsweise Bikinis für Kinder verkauft werden, also Kleidungsstücke, die explizit zur Verdeckung der Brüste gedacht sind – und das ab Größe 100, also für etwa Dreijährige? Wäre es nicht sinnvoll, Kindersexualisierung generell zu verbieten?
Zumindest lässt sich anführen, dass das Tragen eines Kopftuchs für ein Kind bei Sport und Spiel nicht allzu praktisch ist. Was weder dem medialen noch dem rechten Mob gefällt: Das sehen Muslime ebenso. In einer Umfrage sprachen sich lediglich 0,1 Prozent (noch einmal in Worten: einer von tausend!) der Muslime dafür aus, dass Mädchen im Grundschulalter oder jünger Kopftuch tragen sollten. Der Debatte um die vermeintliche Rückwärtsgewandtheit muslimischer Mitbürger hat das keinen Abbruch getan. Solche Zahlen werden dort weidlich verschwiegen – sie stören das unverrückbare Weltbild. Gerade hier haben Medien eine hohe Verantwortung: Statt mit den Wölfen zu laufen und möglichst reißerische Schlagzeilen zu liefern, täten sie gut daran, sich zunächst die Zahlen anzusehen.
Einfluss – aber wessen?
Als Argument für ein Verbot besonders in Schulen wird oft genannt, dass durch das Tragen des Kopftuchs ein Einfluss auf die Schülerinnen ausgeübt würde (dies auch zu tun). Nun mag zwar nicht auszuschließen sein, dass eine besonders beeindruckende oder zugewandte Lehrerin als Vorbild dient. Aber dass eine Frau aufgrund dessen – gegen ihren eigenen Willen! – ihr restliches Leben lang ein Kopftuch trägt, ist schlicht absurd. Und es spricht muslimischen Frauen einmal mehr die Entscheidungsfähigkeit ab. Gleichzeitig gilt zu bedenken, dass der Religionsausdruck als solcher problematisiert wird: Wo war jahrzehntelang der Aufschrei, dass das von der netten Religionslehrerin getragene Kreuz das eigene Kind beeinflusst habe, sich eben dieser Religion anzuschließen? Oft ergibt sich der Eindruck, als sei es „nicht schlimm“, gläubiger Christ zu sein, aber „schlimm“, gläubiger Moslem zu sein.
Aus ähnlichen Gründen wird auch Richterinnen und Staatsanwältinnen das Tragen eines Kopftuchs untersagt – es verstoße gegen die Neutralitätspflicht. Das ist umso abstruser, als dass jeder Amtseid – vom einfachen Beamten bis zum Bundeskanzler – auf eigenen Wunsch mit dem Gottesbezug „so wahr mir Gott helfe“ versehen werden kann. Auch jeder Richter darf diese Formel bei seiner Vereidigung nutzen. Wenn also das Tragen eines Kopftuchs aus religiösen Gründen die Neutralität infrage stellt, wäre keiner dieser Staatsmänner und –frauen berechtigt gewesen, das gesamte deutsche Volk zu vertreten.
Tatsächlich dürfte allerdings ein Einfluss vorhanden sein: Wenn junge muslimische Mädchen sehen (würden), dass Lehrerinnen, Ärztinnen, Richterinnen und Politikerinnen Kopftuch tragen, sehen sie vor allem eines – dass sie diese Berufe ausüben dürfen. Selbstbestimmt ihren Lebensunterhalt verdienen in hoch qualifizierten und hoch angesehenen Bereichen. Dass sie niemand zwingt, sich zwischen ihrer Kleidungswahl oder Religion und einem Job zu entscheiden. Ist das anders, machen sie vor allem die Erfahrung, erneut fremdbestimmt zu werden. Zu beachten ist dabei auch, dass die Debatte besonders in den letzten zwei Jahrzehnten geführt wurde, dann nämlich, als sich muslimische Frauen vermehrt emanzipierten und akademische, gesellschaftlich bedeutsame Positionen anstrebten. Oder wie die Politologin Stefanie Mayer feststellte: „Am Kopftuch der Putzfrau hat sich niemand gestoßen.“
Man muss nicht sehr weit denken, um zu sehen, dass ausgerechnet Frauenrechte in der Diskussion keine haltbare Position darstellen.
Und die Solidarität?
Wie könnten denn solche Frauen (ja, genau, „solche“) darauf bestehen, ein Kopftuch zu tragen, wo doch ihre muslimischen Schwestern in anderen Ländern so hart gegen die strengen Kleiderregeln kämpften? Das sei ja vollkommen unmoralisch und schon deshalb verwerflich – sagte mir ein junger, sehr um sein alternatives Flair bemühter Mann vor wenigen Jahren.
Das war an so vielen Enden falsch, dass ich zunächst gar nicht wusste, was ich darauf antworten sollte. Da ich es seitdem aber tatsächlich mehrfach gelesen und gehört habe, ist eine Antwort offenbar notwendig:
Keine Frau ist gezwungen, sich mit der übrigen Welt, die ihre Chromosomenkombination hat, solidarisch zu zeigen. Nein, auch nicht, wenn sie dieselbe Religion hat. Solidarität ist großartig und wichtig, aber keine Pflicht, die Frauen tagtäglich und bei sämtlichen Entscheidungen auferlegt ist – schon gar nicht von fremden Männern. Die vielleicht zunächst überdenken sollten, welchen Anteil andere Männer an dem Problem haben und wie sie sich also solidarisieren könnten.
Vor allem aber ist der Grundgedanke bereits falsch: Frauen, die in anderen Ländern für ihre Rechte auf freie Kleidungswahl kämpfen, kämpfen nicht gegen das Kopftuch, sie kämpfen gegen den Kopftuchzwang. Dagegen, nicht selbst entscheiden zu dürfen, was sie anziehen. Dass der Staat ihnen vorschreibt, was sie mit ihrem Körper tun, welche Bekleidung sie wählen dürfen. Und damit einhergehend normalerweise gegen zahlreiche andere Einschränkungen der Berufswahl, der Orte, die sie betreten dürfen, der Menschen, mit denen sie sich umgeben, oder Beziehungen, die sie führen dürfen. Frauen, die hier vor Gericht ziehen, um weiter ein Kopftuch tragen zu dürfen, führen den gleichen im Kampf im Kleinen – dagegen, dass ihnen vorgeschrieben wird, was sie anziehen dürfen oder nicht.
Frauen deshalb ethisch zu verurteilen, ist in etwa so sinnvoll, wie Frauen zu verurteilen, die heiraten – während andere Frauen in anderen Ländern gegen Zwangshochzeiten ankämpfen müssen. Folgerichtig wäre es unsolidarisch als Frau, hier zu heiraten. Vielleicht sollte es ihnen am besten verboten werden?
Es geht nicht um das Kopftuch. Es geht um die Wahl.
Ausgewählte Quellen
https://taz.de/Gericht-zu-Richterinnen-mit-Kopftuch/!6136244/
https://www.mayr-arbeitsrecht.de/kopftuchverbot-im-job-kann-erlaubt-sein/
https://katholisch.de/artikel/32284-vereidigung-der-neuen-bundesregierung-mit-oder-ohne-gottes-hilfe
https://mediendienst-integration.de/bevoelkerung/muslime-in-deutschland/wo-gilt-ein-kopftuchverbot/
https://www.sueddeutsche.de/panorama/eurobarometer-gar-nicht-sexy-1.3265020
https://www.dezim-institut.de/projekte/nadira-kurzstudie-mit-kopftuch-auf-jobsuche-6-10/
https://www.sonntagsblatt.de/artikel/glaube/islam-studie-frauen-kopftuch-diskriminierung
https://www.stern.de/gesellschaft/kopftuch–warum-tragen-frauen-im-islam-ein-kopftuch–34581154.html