Neben anderen Missgriffen hat Bundeskanzler Merz auch mit seinen Plänen für Minijobs Bevölkerung und Wirtschaft gleichermaßen aufgeschreckt. Denn der Regierungschef sieht diese Art Arbeitsverhältnis eher als Bedrohung für staatliche Einnahmen denn als Gewinn und postulierte, man solle sie mit Ausnahmen für Schüler und Studenten doch einfach abschaffen. Mit den gravierenden Folgen für viele Branchen haben sich ausreichend ökonomisch Kundige auseinandergesetzt, hier soll es um die andere Seite gehen: Die Minijobber.
Wer jobbt eigentlich Mini?
Merz’ Theorie nach würden Minijobber nach Abschaffung ebendieser endlich „richtig“ – und das heißt vor allem mehr Stunden und mit mehr Abzügen – arbeiten. Und ich bestreite nicht: Vielleicht gibt es diese Minijobber auch, die genau das machen (können). Warum das die wenigsten sein dürften, klärt die Frage, wer eigentlich (abgesehen von Schülern und Studenten) Minijobs ausübt:
Care-Arbeiter
Immer mehr Väter und Mütter wünschen sich, für ihre Kinder da zu sein und nicht von Beginn an rundum betreuen zu lassen. Gerade bei mehreren Kindern lässt das oftmals keine Zeit auch nur für eine Teilzeittätigkeit, während sich ein Minijob manchmal noch reinquetschen lässt. Ähnlich sieht es aus, wenn Angehörige pflegen, insbesondere, wenn sie sich um Kinder oder schwerstpflegebedürftige Menschen kümmern.
Würden diese Menschen einer „größeren“ Arbeit nachgehen, wenn Minijobs abgeschafft werden?
Selten – tendenziell nur, wenn es finanziell unumgänglich wäre. Gleichzeitig würde ein Ausfall privater Care-Arbeit das ohnehin schon fragile Betreuungs- und Pflegesystem weiter belasten.
Arbeitslose
Viele Menschen versuchen, die Arbeitslosigkeit während der Suche nach einer neuen Tätigkeit mit einem Minijob zu überbrücken. Manche bleiben dauerhaft dabei, vor allem im Fall sogenannter Vermittlungshemmnisse, also Faktoren, die die Wiedereingliederung in das reguläre Arbeitsleben erschweren. Da diese Tätigkeit jedoch nicht sozialversicherungspflichtig ist und sie deshalb in der Statistik weiterhin als „arbeitslos“ geführt werden, berichten Betroffene oft, dass sie nicht nur nicht unterstützt, sondern sogar aufgrund des Minijobs vom Arbeitsamt beschämt wurden. Das ist nicht allein ethisch problematisch, es ergibt auch ökonomisch keinen Sinn: Lediglich 200 € eines 600 €-Jobs dürfen behalten werden, der Rest wird angerechnet. Ein Arbeitsloser mit Minijob spart Staat und Steuerzahler daher monatlich 400 €.
Würden diese Menschen einer „größeren“ Arbeit nachgehen, wenn Minijobs abgeschafft werden?
Selten – arbeitslos zu sein ist, entgegen der Meinung von Herrn Merz, eine erhebliche psychische Belastung, wie zahlreiche Studien belegen. Wer mehr arbeiten kann, tut das daher für gewöhnlich bereits.
Gesundheitlich eingeschränkte Menschen
Menschen mit starken gesundheitlichen Einschränkungen oder sogar in Erwerbsminderungs-Rente können manchmal trotzdem stundenweise arbeiten. Diese Fähigkeit wird oft genutzt, um in kleinem Umfang sinnstiftende Arbeit zu verrichten, Sozialkontakte zu erhalten oder das knappe Einkommen aufzubessern.
Würden diese Menschen einer „größeren“ Arbeit nachgehen, wenn Minijobs abgeschafft werden?
Tendenziell nie – gesundheitliche Einschränkungen bleiben bestehen und verhindern dies schlicht.
Nebenjobber
Insgesamt 3,4 – 3,5 Millionen Menschen üben einen Minijob nicht statt, sondern zusätzlich zu einer Haupttätigkeit aus. In einigen Fällen werden auf diese Art andere Interessen abgedeckt, oft reicht jedoch das Haupteinkommen nicht aus oder es ist schlicht mehr Budget für die Zukunft gewünscht.
Würden diese Menschen einer „größeren“ Arbeit nachgehen, wenn Minijobs abgeschafft werden?
Tendenziell nie – weder ist das (bei Angestellten) rechtlich noch zeitlich möglich. Zudem weisen Studien auf erhebliche Gesundheitsrisiken bis zur früheren Sterbewahrscheinlichkeit hin, wenn eine Wochenarbeitszeit von 50 Stunden häufig überschritten wird.
Auffällig ist, dass eine Abschaffung von Minijobs damit überdurchschnittlich oft Menschen treffen würde, die ohnehin bereits in belasteten Situationen leben. Diese hätten lediglich die Möglichkeit, noch höhere finanzielle oder zeitliche Belastungen in Kauf zu nehmen, um dem Jobverlust zu begegnen. Häufig wird dies jedoch gar nicht möglich und ein (weiterer) Wohlstandsverlust die Folge sein. Mittelfristig wird das aufgrund der psychischen Belastung Folgen für das Gesundheitssystem haben. Dauerhaft wird es Staat und Steuerzahler belasten, da nicht wenige der Betroffenen auf mehr oder überhaupt auf staatliche Leistungen angewiesen sein werden. Gleichzeitig werden in der Gesamtheit weniger statt mehr Stunden gearbeitet.
Persönliche Erfahrung: Minijob gesucht
Nach meinem Biologie-Studium und während ich meine Selbstständigkeit aufbaute – lang ist’s her -, hätte ich gerne einen Minijob angenommen. Finanziell war es knapp, eine sichere Einkommensquelle nebenbei wäre super gewesen, zu viel Zeit durfte es aber nicht kosten. Einen klassischen Studentenjob wollte ich nach dem Abschluss allerdings nicht mehr antreten, also bewarb ich mich bei den (nicht sehr zahlreichen) Stellen, die Biologen beschäftigen. Dabei machte ich von vorneherein klar: Ich habe keine Ansprüche an Aufgaben, Lohn oder gar Karrierechancen – ich möchte einfach nur einen Tag „im Fach“ mitarbeiten. Ein hoch qualifiziertes, günstiges „Mädchen für alles“, das sollte ein gutes Angebot sein, dachte ich. Die Antwort war einhellig: Tolles Zeugnis, aber so etwas mache man nicht. Bei staatlich finanzierten Stellen hieß es bisweilen auch: Dürfe man nicht. Da eine größere Stelle jedoch nicht infrage kam, hieß es für mich verzichten und den Gürtel enger schnallen.
Fazit: Diese Einstellung auf Unternehmensseite hat letztlich zu weniger statt zu mehr Arbeitsstunden geführt (und in meinem Fall zu ein paar eingesparten Konsumausgaben, was vermutlich auch nicht das ist, was Herr Merz sich vorstellt).
Was wirklich helfen würde
Wer wirklich möchte, dass Menschen in Deutschland mehr arbeiten, muss sich fragen, was ihnen diese Arbeit ermöglicht. Minijobs zählen hierzu, denn sie bieten oftmals gerade denen Möglichkeiten, die sonst gar nicht arbeiten könnten und würden. Was daher helfen würde:
- Arbeitslose bei der Aufnahme eines Minijobs unterstützen, sofern zu dem Zeitpunkt keine bessere Stelle zur Verfügung steht. Das mindert Armut, stiftet Sinn, spart Sozialausgaben und erleichtert im besten Fall den Wiedereinstieg ins Arbeitsleben.
- Die Tagesarbeitszeit von 2,5 Stunden abschaffen und allein die Wochengrenze von 15 Arbeitsstunden für volle Erwerbsminderung einsetzen. Die Grenze ist an der Lebensrealität Betroffener vorbeibestimmt – manch einer kann vielleicht drei, vier oder sogar acht Stunden am Stück arbeiten, aber nicht mehr als ein oder zwei Mal pro Woche. Zudem schränkt sie die Auswahl möglicher Stellen erheblich ein. Gleichzeitig sollte eine Beratungsstelle geschaffen werden, die Betroffene, die stundenweise arbeiten können und wollen, bei der Vermittlung sowie rechtlichen und gesundheitlichen Aspekten unterstützt.
- Unternehmen motivieren, Minijobs ergänzend für alle, auch hohe Qualifikationen anzubieten, um flexibler auf die Lebenssituationen von Menschen einzugehen. Ein chronisch kranker, berenteter Volljurist, der Zeitungen austrägt, ist schlicht Verschwendung von Fachkenntnissen.
Wenig überraschend: Der Text gibt meine Meinung und Erfahrungen wieder, gegebenenfalls unterstützt durch Studien. Er versteht sich nicht als einzig mögliche oder gültige Perspektive.