Grenzgang: Eine der spektakulärsten Belagerungen des Spätmittelalters, geschildert aus der Sicht eines jungen Mädchens.
Grenzgang als E-Book (2,99 €)
ISBN: 978-3695643158
Und worum geht es?
1474: Als sich das Erzstift zu Cöllen und die Burgunder überwerfen, ahnt das beschauliche Neuss am Rhein nicht, welch entscheidende Rolle es im Kräftemessen der Mächtigen spielen wird. Am wenigsten Luitgard, der die Stadt gerade erst zur neuen Heimat geworden ist. Als das größte Heer dieser Zeit der Stadt entgegenmarschiert, sind deren Bewohner zuversichtlich – frisch verstärkten Mauern und reichen Vorräten sei Dank. Für Luitgard jedoch beginnt eine Zeit der Angst und des Hungers. Fast ein Jahr vergeht, bevor die Schlacht entschieden ist und sich zeigt, wer Neuss lebend verlässt. Ein Jahr, das Belagerer und vor allem Belagerte bis über ihre Grenzen bringt. Der Kampf um Neuss wird nicht nur das Schicksal der Stadt, sondern des ganzen Kaiserreichs entscheiden – und das eines mutigen Mädchens.
Leseprobe „Grenzgang“
Nie zuvor hatte ich solchen Hunger gelitten. Das Gras vom Boden hätte ich gefressen, hätten das nicht bereits andere getan. Ich hockte neben der vermaledeiten Mauer, ließ meine Finger über den rauen Stein gleiten und hätte sie am liebsten mit bloßen Händen eingerissen, obgleich wir dann vielleicht alle des Todes gewesen wären.
– 1 –
Anno 1474, April
Tiefe Erleichterung überflutete mich, als wir die schweren Stadttore durchschritten. Für einige Momente vergaß ich die Erschöpfung, meine wehen Füße und die Strapazen des langen Marschs. Diese Mauern, so hoch und wuchtig, würden im Notfall sogar dem Heer des Teufels höchstselbst trotzen. Errichtet für die Ewigkeit. Hier, das wusste ich sofort, würden wir endlich in Sicherheit sein. Einer der Wachmänner bedachte uns mit skeptischem Blick, der andere jedoch, ein Rotnasiger mit Schmerbauch, machte bloß eine gelangweilt wirkende Handbewegung, die uns weitergehen hieß. Mutter fasste sich ein Herz und trat an ihn heran:
„Werter Herr, Sie scheinen mir ein guter Mann zu sein, wissen Sie vielleicht Rat, wo meine Tochter und ich unterkommen könnten?“
In seinem musternden Blick lag halb Abscheu, halb etwas, das mir Gänsehaut verursachte.
„Armenhuus is links vun Sankt Martinus.“
„Habt Dank, aber ich habe ein Handwerk gelernt und Ersparnisse, ich möchte eine bescheidene Unterkunft pachten.“
Der Feiste zögerte kurz, meinte dann aber:
„Do kütt ming Schwager Tünn fraje. Ihm wurd die Verwaltung de neue Quartiere uf dem ale Anger zujesprochen. Findst ihn in de Stroß neben de jroße Mühle, is wohrscheinlich in de Leinpfad-Kaschemm. Sach ihm, du kummst vom Dolfes.“
Zuhause hatte Hochwürden oft gesagt, ich plapperte zu viel, doch hier stand mir minutenlang stumm das Maul offen. Solche Menschenmengen, es mussten tausende sein! So viele Häuser und so hoch – der Kirchturm, den wir passierten, schien direkt in den Himmel zu ragen und ich kam aus dem Staunen nicht heraus. Mutter war als junges Mädchen zur Hochzeit ihrer Tante nach Cöllen gereist, sie hatte erzählt, dass dort alles noch viel größer, noch viel imposanter war, aber ich konnte es mir nicht vorstellen. Unwillkürlich hielt ich Mutters Hand sehr fest, obschon ich eigentlich bereits zu alt dafür war.
Die Schenke stank nach altem Schweinefett, Malz und Urin und mir grauste vor den im Halbdunkel herumlungernden Gestalten. Bald folgten wir einem ungeschlachten Kerl zu einem Veedel nahe der Stadtmauer, wo sich solide, aber winzige Hütten dicht an dicht schmiegten. Jede mit einem kleinen Hinterhof, kaum größer als ein Stall, dazwischen ein verschlammter, ausgetretener Pfad. Dort sollten wir fortan leben? Doch Mutter fragte ohne mit der Wimper zu zucken nach der Pacht.
„20 Gulden uf dat Johr. Kannst du dir dat dann leiste? En Weib wie du, was willst’e denn arbigge?“
„Ich habe Näherin gelernt“, antwortete Mutter ruhig, und nur ich bemerkte, wie sie sich kurz an der Hauswand abstützte – ihr schlimmes Bein bereitete mehr und mehr Probleme seit der Flucht. Als sie ihm die geforderten Münzen überreichte, biss ich die Zähne zusammen, denn sogar ich wusste, dass es sich um eine unverschämte Summe und die Hälfte unserer Ersparnisse handelte.
Das Innere unserer neuen Unterkunft glich dem Äußeren: Der einzige Raum war kaum drei mal drei Pferdelängen weit, spärlich eingerichtet und starrte vor Dreck. Mutter setzte sich auf den unteren von zwei Alkoven und streckte ächzend das sieche Bein aus.
„Zieh nicht so eine Fratze, Luitgard, es könnte viel schlimmer sein. Wir haben ein Dach über dem Kopf und die Stadt wird guten Schutz bieten.“
Ich mochte Mutter sehr gern glauben, doch in der ersten Nacht wälzte ich mich lang auf meiner dünnen, stinkenden Schicht Stroh.
Meine kluge Mutter behielt natürlich recht, bald schämte ich mich für die Zweifel. Wir schrubbten die Hütte, flickten das Dach, ersetzten das Stroh und gruben den Hof um – ich begann, mich mit meinem neuen Zuhause anzufreunden. Gerade vermaß Mutter mit kritischem Blick den kleinen Hof und ich wusste, dass sie plante, was wo anzupflanzen sei. Mich hingegen schickte sie zum Markt, nach Brot, Schinken, Butter und einer Decke, auf der sie bald ihre Ware anbieten würde.
„Pass gut auf dich auf, wenn du durch die Stadt läufst, und merk dir alle Wege. Sei immer artig, aber wenn dir einer sinister vorkommt, dann rennst du wie der Wind, verstanden?“
Ich nickte ernsthaft – sie machte sich oft Sorgen. Auch, weil ich, obwohl mit elf Wintern schon fast eine Frau, wegen meiner kleinen, zierlichen Figur zumeist auf acht oder neun geschätzt wurde. Doch die Stadt lernte ich rasch lieben: So viele Winkel und Gassen, so viele verschiedene Menschen, Waren, Kleidung und Zierden! Wunderbare Kirchen und Gaukler, wie ich sie daheim nie gesehen hatte.
Schon immer war Neugierde meine größte Sünde gewesen und hier konnte ich unmöglich widerstehen. Mit Mutter Rechnen üben, Wasser holen, Einkäufe erledigen, bei der Arbeit zur Hand gehen oder Pferdemist für den Garten sammeln: Brav erledigte ich meine Pflichten, doch danach hielt mich nichts, ich stürmte hinaus und spielte mit den Nachbarskindern, am liebsten mit Ännsche, Drickes und Griet, die mich ohne zu zögern in ihrer Runde willkommen geheißen hatten. Manchmal trieben wir Reifen durch die Straßen, manchmal spielten wir mit meinem bunten Kreisel oder dem geschnitzten Holzpferd, das aussah wie ein echtes, und genossen den nahenden Sommer.
Die Stimmung wandelte sich – jedenfalls für mich – zunächst fast unmerklich. Es war warm, unsere Pflanzen gediehen, ich hatte treue Freunde gefunden und war beinahe glückstrunken, endlich wieder ein Zuhause zu haben, gleich wie klein. Doch dann hörte ich zum ersten Mal die Gerüchte …
